No Parking Area - 1998

Für die Kunsthalle Wil bei St. Gallen schuf die Sense eine auf den Ort bezogene BildBauarbeit, ein raumbildnerisches Fake eines Parkhauses mit Fussgängerüberweg, Parkboxen und Baustellendepot als Rundweg.
Die BesucherInnen entschieden, ob sie vor Ort eine Ausstellung oder eine erweiterete Strassen-Baustelle in einem Parkhaus betrachteten und konnten ihr Verhalten entsprechend adaptieren. Sämtliche Objekte wie Sperrpfosten, Schilder, Verkehrsinseln und Strassensperren wurden von Hand gefertigt und lackiert.
Kurator: Frank Nievergelt

Material: Metall, Beton, Holz, Sand auf Leinwand, PU-Schaum, Leim-Sand bemalt. Einzeltafel schwarz: 220 x 142 cm

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Zwei Details, die eine Nahsicht gewähren.

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Baustelle - zur künstlerischen Arbeit von Annette Sense

Text: Frank Nievergelt - kuratorische und umfassende Leitung der Kunsthalle Wil CH von 1991 bis 2013

Andy Warhols berühmter Blick aus dem Fenster liess ihn die amerikanische Alltagswelt entdecken und in seine Bilder einbringen. Schaut Annette Sense aus dem Fenster, sieht sie noch alltäglicheres, viel weniger spektakuläres. Ihr Blick fällt wirklich auf die Strasse und nicht auf Reportagen am TV-Bildschirm. Besonders im Umkreis von Baustellen findet sie das Material, das in ihr künstlerisches Konzept passt. Zuerst waren es Stahlrohre, die sie für ihre Farbfeldmalerei benutzte. Dann entdeckte sie die bereits industriell farbig lackierten Abschrankungen und Markierungen aller Art, gefolgt von grossen Leitungsröhren. Stahlrohre wie Tonröhren wurden auf Lagerregalen zu variablen Inszenierungen angeordnet. Das Regalsystem wendete Annette Sense auch bei grossen, bildhaften Wandarbeiten an, bei denen sie ausgehend vom Muster rot-weisser Abschrankungslatten perönliche Kompositionen kreierte.
Nach den Elementen des Fliessens und der Vernetzung – den Rohren – arbeitet Annette Sense nun mit denjenigen, die sich dem Verkehrsfluss einschränkend in den Weg stellen. Das «Ideenmaterial» findet die Künstlerin, wie die Fotos im Inneren ihres «Ausstellungs-Folders» zeigen, in ihrem unmittelbaren Erlebnisfeld in Wien, bei einem Aufenthalt in Zürich, überall, wo an oder bei Strassen gebaut wird.

1998 bewegt sich der Europäer mit dem Automobil. Keine andere technische Errungenschaft prägt das Gesicht von Landschaft und Stadt dermassen einschneidend wie die individuelle Mobilität durch das persönliche Fahrzeug. Ihm werden grosse Opfer dargebracht, statusgemässe Fortbewegung und am Ende ein Parkplatz sind zu existentiellen Grundbedürfnissen geworden. Dafür, dass dabei die Fussgänger nicht überfahren und die Fahrenden selbst vor Schaden bewahrt werden, sorgt ein ganzes Arsenal von Hinweis- und Verbotstafeln, Markierungen, Signalisationen und Abschrankungen. Mit diesem Fundus arbeitet die Bildhauerin und Malerin Annette Sense.
Allerdings will sie dadurch weder die Verkehrsmisere anprangern oder die Versklavung ganzer Völker durch das Automobil offenlegen noch die «freie Fahrt» als höchstes Glück preisen. Das Hauptinteresse der Künstlerin liegt weniger auf inhaltlichen als auf formalen Anwendungsmöglichkeiten dieser Objekte im Kontext einer neu zu definierenden real räumlichen Malerei. Eigene spannende Wege sind das Ziel.

Die von ihr selbst gewählte Bezeichnung «Bildbauarbeiten» verweist mehrdeutig ebenso auf einen speziellen Stellenwert innerhalb der Malerei der 90er Jahre wie auf den besonderen Bereich, dem die Ideen entnommen sind. Seit 1989 arbeitet Annette Sense, vom plastischen Gestalten ausgehend, nach ihren eigenen Worten an der «Verräumlichung von Bildflächen zu Plastiken» und an der «Integration von Bildqualitäten in die Dreidimensionalität». Sie bedient sich dabei ausschliesslich Formvorbildern aus industrieller Produktion. Alle in der Kunsthalle ausgestellten Werke sind von der Künstlerin in ihrem Atelier – so perfekt sie auch aussehen – einzeln von Hand gefertigt worden. Erst bei genauem Hinsehen lassen sich die Spuren manueller Montage und die feinen Strukturen des Malduktus erkennen. Die kühle Sachlichkeit des Industrieproduktes wandelt sich in eine emotionale Intensität und Sinnlichkeit, die man beispielsweise einer Hinweistafel mit weissem Pfeil auf blauem Grund nie zugetraut hätte. Das Massenprodukt wird zum Unikat, die Zeichen bekommen neue Aufgaben.

Der Ausstellungstitel «No parking area» weist darauf hin, dass die Kunsthalle zwar den Anschein eines einstöckigen Parkhauses mit angrenzender Baustelle macht, aber natürlich kein Parkhaus ist. Die Anordnung der Werke als Gesamtinszenierung folgt unter Ausnützung der räumlichen Gegebenheiten der Idee eines Parkhauses. Ein- und Ausfahrtssituation ergeben sich durch die beiden Durchgänge zwischen den Hallen. Richtungsanweisungen, Leitplanken und Verkehrsinseln dominieren den ersten Raum. Bodenmarkierungen für Parkfelder, Sperrpfosten und Strassenschwellen weisen in der grossen Halle auf die «neue Raumnutzung» hin. An der Rückwand wird durch eine grosse «Bildbauarbeit» – Wandbild und bemalte Plastik – die Situation einer Baustelle im Strassenverkehr thematisiert. Die «Neudefinition» der Kunsthalle entspringt dem Eingehen auf die örtliche Situation. Gleichzeitig gibt sie der Künstlerin die Möglichkeit, innerhalb ihres Themas den Halleninnenraum durch den Raster der auf dem Boden ausgelegten Parkplätze selbst zum Bildträger zu machen.

Innenraumgestaltung erprobte Annette Sense schon 1995 bei den bereits erwähnten Tonröhren, die sie im European Ceramics Work Centre in s'Hertogenbosch NL anfertigte. Bei monochromer Aussenbemalung gestaltete sie die Innenfläche zum streng geometrischen Bild. Die in der Halle exakt ausgerichteten Felder bleiben wie entrollte Rohre diesem System treu.

Sind die Parkboxen als künstlerische Raumgestaltung entlarvt, wird schnell offenbar, dass auch die sich im Raum entfaltenden Objekte nicht sind, was sie zu sein scheinen. Alle diese Elemente verkehrstechnischer Notwendigkeit gewinnen eine neue ästhetische Dimension. Absperrungen und handbemalte Rohrgestänge finden eine Erklärung sowohl innerhalb der fiktiven Idee «Parkhaus» als auch im Sinne des künstlerischen Plastikbegriffes.

Irritation ist angesagt. Schein und Wirklichkeit sind zu hinterfragen und die systemeigenen Funktionen von Kunst zu überprüfen. Annette Sense verwendet für ihre Inszenierung Elemente eines klar codierten Zeichensystems, bei dem Form, Farbe und Ort der Aufstellung Hinweise signalisieren. In der nüchternen Zweckwelt kennen wir alle die Bedeutung dieser Gegenstände, in der Kunsthalle müssen wir sie anders lesen.
In ihrer aus dem ungewohnten Kontext und der speziellen Fertigung erwachsenden Vielschichtigkeit sind mehrere Versionen möglich. Vom Kommunikationsdesign ins Kunstwerk transponiert, das traditionell ein Kernstück von Kultur darstellt, werden die Objekte zum Katalysator kultureller Reflexion unserer Gesellschaft. In ihnen verkörpert sich die Ikonographie der Alltagskultur am Beispiel «Automobil». Als Objekt menschlicher Sehnsüchte, Vorstellungen und Obsessionen fand es längst Eingang in die Malerei und Installation.

Annette Sense hat die Perspektive gewechselt, sie blickt nicht auf, sondern aus dem Automobil. Verkehrsschilder, Fussgängerstreifen, Sperrobjekte verschiedenster Art werden Teil eines Konzeptes, das sich mit der Funktion und Begrifflichkeit von Kunst auseinandersetzt. Die Kontextverschiebung geschieht nicht durch eine blosse Übernahme von Ready-mades in den Bereich der Kunst im Sinne Duchamps, sondern durch eine nichtidentische Reproduktion bestehender Objekte. In diesem Sinne sind diese zwar nicht «die Pfeife» selbst, jedoch auch nicht blosses Abbild wie bei den Gemälden von René Magritte.
Rot auf weiss oder weiss auf rot – die Werke lassen als scharfes Instrument bestehende Traditionen neu überprüfen. Künstlerin sein heisst für Annette Sense, durch die persönliche Symbiose von Bild und Plastik das Wesen der Kunst zu befragen. (Frank Nievergelt)